Wir waren zu zweit: Sascha, ein
Schwede mit armenischer Abstammung, der in Moskau als Auslandskorrespondent gearbeitet hat und ich selbst, der noch nie in Russland war. Sascha holte mich mit seinem Wagen vom Flugplatz ab. „Unser Abenteuer beginnt”, erklärte Sascha, als wir uns in den Verkehr einreihten. Wir fuhren auf der Straße, die in Richtung Osten nach Wladimir führt. Dies ist die alte Sträflingsstraße, über die politische Häftlinge zu ihrem Gefängnis oder ins Exil nach Sibirien gebracht wurden. Der Verkehr innerhalb von Moskau floss zäh dahin. Die Stadtgrenze markierte ein MakAvto – ein McDonalds Drive-In. Nachdem wir die goldenen Bögen hinter uns gelassen hatten, fanden wir uns in grüner Landschaft mit hölzernen Datschen.
Am nächsten Tag erreichten wir Wladimir, wo wir einen Kreml („Kreml" ist das altes russisches Wort für „Festung") besuchten und das Museum, das allen gewidmet ist, denen der Titel „Held der Sowjetunion” verliehen wurde. Wir verließen die Stadt und kamen nach 15 Minuten an der als Weltkulturerbe geschützten Mariä-Schutz-Kirche vorbei. Das berühmte Baudenkmal aus dem 11. Jahrhundert mit den verblüffenden Proportionen und einem einzigen eleganten Zwiebelturm war beeindruckend.
Am frühen Abend erreichten wir unser erstes Übernachtungsziel in Nischni Nowgorod. Wir setzen uns in ein Cafe an der belebten Fußgängerzone und beobachten von unserem Tisch aus das Treiben auf den Straßen. Dabei fielen mir extrem viele extravagant gekleidete Frauen in Kostümen mit Schulterpolstern und Mädchen mit glänzenden Haaren und Ballonröcken auf. Irgendwie bezaubernd. Ich fragte mich, ob es sich dabei um eine Sinnestäuschung handelte, aber Sascha, der von Berufs wegen ein Auge für so etwas hat, sagte: Die Frauen in Nowgorod sind außergewöhnlich schön.
Am nächsten Morgen fuhren wir bei herrlichem Wetter nach Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan. Die Dörfer lagen jetzt viel weiter auseinander. Am Abend erreichten wir die Republik Tatarstan. Die Sonne drohte unterzugehen und die seichten Stellen zwischen den Schilfbeeten wirkten wie die Scherben eines Spiegels auf einem grünen Teppich. Welch idyllisches Ende eines anstrengenden Tages. Der letzte verbliebene Ausschnitt der Abendsonne versank senkrecht in der Ferne und damit ging das Licht langsam wie in einem Kinosaal aus. Am nächsten Morgen war das Wetter genauso herrlich und wir erkundeten die Stadt. Obwohl wir noch nie in Asien waren, hatte ich das Gefühl, den Orient erreicht zu haben. Wir kamen an einer riesigen Moschee und einer Kathedrale mit himmelblauen Kuppeln vorbei.
Bis Kasan sind wir auf Straße M7 gefahren. Nun wechselten wir auf die Sibirsky Trakt (die sibirische Autobahn), die uns über 600 Kilometern zu der Stadt Perm führte. Der Himmel wölbte sich klar über uns und wir treffen nur wenige Minuten vor Abfahrt der Fähre an dem brückenlosen Fluss Wjatka an. Die rostige Eisenplattform, die an einem kleinen Schlepper befestigt war brachte uns nach der zehnminütigen Überfahrt an das andere Ufer. Wir hatten das Gefühl, den Fluss mit einer großen alten Bratpfanne überquert zu haben. Am anderen Ufer des Wjatkas ging es nun auf einer Schotterpiste weiter, die aber ziemlich fest war, so dass wir über die Ebene jagen konnten, ohne jedoch den Staubwolken entfliehen zu können, die wir selbst gegen den Himmel empor wirbelten.
Als wir über eine kleine Brücke in Republik Udmurtien gelangten, mussten wir unsere Uhren eine Stunde vorstellen. Diese Brücke im Nirgendwo markiert den Beginn der nächsten Zeitzone. Am Abend verloren wir eine weitere Stunde, da wir die nächste Zeitzone erreichten. Kurz vor Perm ging es über die ersten Ausläufer des Urals ein paar sanfte Hänge hinauf.
In der Stadt Perm ist eine große Waffenfabrik ansässig und hier werden auch die meisten russischen Banknoten gedruckt. Da diese Unternehmen keine Besucher willkommen heißt, hielten wir uns nicht lange in der Stadt auf und fuhren weiter zu unserem letzten Etappenziel, Jekaterinburg.
Am Nachmittag ging fast nur noch bergab und ab Suksun stießen wir auf eine fast nicht zu befahrenen Streckenabschnitt. Es ging durch Furchen und Schlaglöcher.
In der Nähe von Jekaterinburg erreichten wir endlich wieder eine geteerte Straße. Nach insgesamt 1700 Kilometern sahen wir an einer doppelspurigen Schnellstraße ein Podest aus Stein, eine längliche, dünne Stahlskulptur. In der Mitte des Sockels befand sich ein Streifen aus Marmor. Wir hielten auf der Standspur an und überquerten etwas leichtsinnig die vier Fahrspuren, um uns das Gebilde aus der Nähe anzusehen. Das war sie: die offizielle Markierung der Grenze zwischen Europa und Asien. Wir kletterten die Böschung hoch, um Fotos voneinander zu machen, wie wir mit jedem Bein in einem anderen Kontinent stehen. Nach dieser etwas hektischen Reise fuhren wir gemächlich ins Zentrum von Jekaterinburg, um uns dort als Belohnung einen gekühlten Wodka zu genehmigen.